
Über dreißig Lehrende und Studierende des legendären Bauhauses, eine Schule für Kunst und Gestaltung, wirkten seit den 1920er- bis in die 1960er-Jahre auf unterschiedliche Weise in Krefeld.
Einige absolvierten Fortbildungen an den örtlichen Textilfachschulen, um dieses Wissen ins Bauhaus zu importieren, einige kamen wegen Bau- oder Ausstellungsprojekten in die Stadt, andere verbrachten in Krefeld fast ihr gesamtes berufliches Leben. Nach heutigem Kenntnisstand waren in keiner Stadt der heutigen Bundesrepublik mehr Bauhäuslerinnen und Bauhäusler tätig. Es waren vor allem die Seidenindustrie und ihre in Krefeld ansässige Denkzentrale, der Branchenverband der deutschen Seidenindustrie →, die in ihnen das Potenzial erkannten, die deutsche Seidenindustrie gestalterisch zukunftsfähig zu machen. Sie engagierten Bauhäusler als Architekten, Designer und Designerinnen und insbesondere für die Ausbildung des Gestalternachwuchses.
Die Geschichte der Integrierung der Avantgarde in den Produktionsprozess der Seidenindustrie wurde nach ausführlichen Forschungen 2019 von Projekt MIK e.V. in einer Publikation und mehreren Filmen der Öffentlichkeit präsentiert. Lehre und Design sind im Stadtbild naturgemäß nicht sichtbar, die Architekturen, die Ludwig Mies van der Rohe Mies van der Rohe, Ludwig, Erich Holthoff und insbesondere Hans Volger als Baurat der Stadt ausführten, haben jedoch die Zeit überdauert. Auch einige der Wohn- und Wirkungsorte der Bauhäusler, die in Krefeld gelehrt haben, sind erhalten. Sie erinnern daran, dass Johannes Itten, Elisabeth Kadow, Georg Muche und ihre Kollegen und Kolleginnen für viele Jahre Bürger der Stadt waren. →

Während Ludwig Mies van der Rohe seit 1928 zwei Häuser für die Verseidag-Gründer Josef Esters und Hermann Lange auf der Wilhelmshofallee ausführte→ , entstand keine 400 Meter entfernt auf der Hohenzollernstraße das Wohnhaus für ihren Vorstandskollegen Rudolf Oetker von August Biebricher→ .
Die Bauten könnten unterschiedlicher nicht sein und doch sind sie alle Ausdruck „wirtschaftsbürgerlicher Konvention und individueller Vorlieben“. Während die Konventionen ähnlich waren, was sich im gleichartigen Raumprogramm der Häuser zeigt, waren die individuellen Vorlieben unterschiedlich. Innovationswille traf auf Traditionsverbundenheit.
Das „Neue Bauen“, behelfsmäßig auch „Bauhaus-Stil“ genannt, gilt heute als der Baustil der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts. Aber so wie Haus Lange und Esters schon unter ihren baulichen Zeitgenossen eher bestaunte und teilweise auch bespöttelte Exoten „ohne Dach“ waren, wurde das Neue Bauen kein Mainstream, auch wenn es eine hohe mediale Aufmerksamkeit erhielt und 1928 seinen Oppositionscharakter verloren hatte.
Der Vergleich der wirtschaftsbürgerlichen Wohnhäuser, die sich die erfolgreichen Textilfabrikanten in den 1910er- bis 1930er-Jahren in Krefeld bauen ließen, bevorzugt in dem neu entstehenden Stadtteil zwischen Bismarckplatz und dem ebenfalls noch recht jungen Stadtwald, spiegelt deutlich wider, dass die von Lampugnani als „Konservative Moderne“ bezeichnete Baukultur parallel zum Neuen Bauen vor allem in den wirtschaftsbürgerlichen Kreisen sehr stabil fortbestand. Ihre wichtigsten Repräsentanten in Krefeld waren die Architekten August Biebricher und Girmes & Oediger.1Vittorio Magnago Lampugnani, Romana Schneider (Hg.): Reform und Tradition. Moderne Architektur in Deutschland 1900–1950. Ostfildern 1992
Doch diese großen Wohnhäuser mit hoteltauglichen Wirtschafts- und Sanitärbereichen, mit „Leute-, Mädchen- und Kofferzimmern“ waren ein Auslaufmodell. Schon in der Nachkriegszeit überstiegen sie den Raumbedarf der Nachfahren, der Lebensstil hatte sich geändert. Die meisten wurden bald nicht mehr von den Bauherrenfamilien alleine bewohnt, einige erhielten eine neue Nutzung, wie die Häuser Lange und später auch Esters als Galerie der Moderne des städtischen Museums.2Stephan Strauß, Wirtschaftsbürgerliches Wohnen in Krefeld 1900–1940. Die Vielfalt der Moderne, in: Lange/Blümm (Hg.), Bauhaus und Textilindustrie. Architektur, Design, Lehre, München 2019, S. 310

Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass die Samt- und Seidenindustrie die gestalterische Avantgarde der 1920er-Jahre nach Krefeld geholt hat.
Und auch an den Vorarbeiten seit der Jahrhundertwende war sie maßgeblich beteiligt, indem sie sich den von Museumsdirektor Friedrich Deneken und dem Deutschen Werkbund ausgehenden Impulsen öffnete. Sie erkannte in den Reformansätzen das Potenzial, mit dem ihre Branche auf den größer gewordenen Absatzmärkten der Weimarer Zeit konkurrenzfähig bleiben konnte. Der Schulterschluss mit der Avantgarde und insbesondere mit Vertretern des Bauhauses sollte der Branche auf dem Gebiet der Gestaltung, der Lehre und der Architektur ein eigenes zukunftsweisendes Profil geben.
Dass diese Überlegungen in Krefeld stattfanden und umgesetzt wurden, ist der Tatsache zu verdanken, dass Krefeld nach der Jahrhundertwende nicht nur eines der Zentren der Branche darstellte, sondern die aus Kartellvereinigungen hervorgegangenen Branchenverbände hier angesiedelt waren. In den 1920er-Jahren verlegte auch der Dachverband als Denkfabrik der ganzen Branche seinen Sitz nach Krefeld →.
Es war die letzte Blütezeit der Seidenindustrie, die seit dem 17. Jahrhundert Krefelds Industrie prägte und der Stadt Phasen von Expansion und Erfolg sowie von Stagnation bereitete. Die meisten Webereien existieren nicht mehr, ihre Bauten sind Wohnbebauungen oder modernen Industriearealen gewichen. Aber einige sind erhalten und bekamen durch neue Nutzungen ein zweites, nachindustrielles Leben.3Lange/Blümm (Hg.), Bauhaus und Textilindustrie. Architektur, Design, Lehre, München 2019

Durch die Zerstörung des Bauaktenarchivs der Stadt Krefeld im Zweiten Weltkrieg ist die lokale Architekturforschung bis 1945 sehr erschwert. Trotzdem konnte das Schaffen einiger Architekten und ihrer Büros rekonstruiert und zugänglich gemacht werden.
Die wichtigste Quelle bleiben die Bauten selbst, wie es die als Bildersammlung gestartete Auseinandersetzung mit der Krefelder Backsteinarchitektur von Christoph Dautermann4Christoph Dautermann, Auf dem Weg in die Moderne. Krefelder Architektur der 1920er-Jahre, Goch 2014 oder die Erforschung der Innenstadt durch das Team von Claudia Schmidt, MIR architecten5http://www.mir.nl/Vier-Walle-Krefeld zeigen. Mit aufmerksamem Auge entdeckt man interessante Architekturen, auch wenn sie schon stark verändert wurden.
Und schließlich schlummern noch jede Menge Kenntnisse und Quellen in den Köpfen und Kommoden der Krefelder. Diese vielfältigen Informationsteile zu zusammenzuführen und auszuwerten – dazu soll dieser Beitrag anregen.

Ein kurzer Blick in die Biografien dieses Guides zeigt, dass wesentlich weniger Frauen als Männer dort aufgeführt sind. Den über sechzig Architekten, Fabrikanten und Auftraggebern stehen drei Designerinnen, zwei Auftraggeberinnen, eine Fabrikantin und immerhin eine Architektin gegenüber, die 1968 am Entwurf eines Teepavillons beteiligt ist.
Die komplexen gesellschaftlichen Bedingungen der weiblichen Avantgarde der 1920er-Jahre sprengen den Rahmen dieses Guides. Sie werden u. a. in der Publikation Die Neuen kommen! ausführlich dargelegt; fünfzehn Architektinnen sind dort aufgelistet. Eine von ihnen war in Krefeld als Innenarchitektin und Ausstellungsgestalterin sehr präsent: Lilly Reich, eine andere, Marlene Moeschke-Poelzig → hatte möglicherweise Einfluss auf die Planung von Haus Steinert → genommen, belegt ist es indes nicht.6Ute Maasberg/Regina Prinz, Die Neuen kommen! Weibliche Avantgarde in der Architektur der zwanziger Jahre, Hamburg 2004
Die einzige Auftraggeberin in den 1920er-Jahren, die die Quellen überliefern, ist die noch unverheiratete 26-jährige Milly Geissen, die das Grundstück und die finanziellen Mittel für den Hausbau bereitstellte. Erst im Jahr der Fertigstellung ihres Hauses wird sie Karl Heusgen heiraten. →
Dass Frauen als Auftraggeberinnen in den 1920er-Jahren kaum in Erscheinung treten, ist der Tatsache geschuldet, dass sie mit der Eheschließung ihre geschäftliche Selbstständigkeit weitgehend aufgaben. Trotz der „grundsätzlichen“ Gleichstellung von Mann und Frau in § 109 der Weimarer Verfassung blieb die Ungleichbehandlung in der Ehe unangetastet. Hier galt das Familienrecht von 1900, das „die Verfügungsmacht des Ehemannes über das Vermögen, die Arbeit und den Körper seiner Frau“ festlegte und damit nicht nur ihre ökonomischen Handlungsmöglichkeiten bestimmte.7Ute Frevert, Frauen-Geschichte. Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit, Frankfurt/M. 1986, S. 1988Kirsten Heinson, „Grundsätzlich“ gleichberechtigt. Die Weimarer Republik in frauenhistorischer Perspektive“ Bundszentrale für politische Bildung https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/weimarer-republik/277582/emanzipation
Als Witwe konnte diese Freiheit in einem gewissen Umfang zurückgewonnen werden, wie es das Beispiel von Emilie Oetker zeigt. Die Ehefrau von Albert Oetker, des verstorbenen Gründers der Firma Deuß & Oetker erhielt bei der Gründung der Verseidag einen Sitz im Aufsichtsrat und verfügte dort über eine Stimme wie auch ihre beiden männlichen Kollegen.→ 9Stefanie van de Kerkhof, Deutsche Seide in Krieg und Krisen. Der Verein deutscher Seidenwebereien als ökonomischer Motor für Innovationen 1910–1960, in: Lange/Blümm (Hg.), Bauhaus und Textilindustrie. Architektur, Design, Lehre, München 2019, S. 156–187

„Es ist heute nun auch in Deutschland nicht mehr nötig, das Daseinsrecht der neuen Baukunst zu verteidigen. Jedermann weiß nunmehr, daß die neue Bewegung nicht nur eine Mode ist, sondern daß sie tieferen Ursachen entspringt. […] die neue Baukunst befindet sich nicht mehr in der Opposition, sie ist auf dem Wege offiziell zu werden. Wird sie diese Verantwortung tragen können?“10Hugo Häring, Neues Bauen. In: Moderne Bauformen 1928 S.329
In Krefeld sind die Häuser und Fabrikbauten Mies van der Rohes dem Neuen Bauen zuzuordnen, sowie ihre Ergänzungen durch die Bauabteilung der Verseidag. Haus Lange gehört zudem der kleinen Gruppe von Werken an, die 1932 Eingang in die wirkungsmächtige Ausstellung Modern Architecture und ihre begleitenden Publikationen The International Style (mit Bild) und Modern Architecture (ohne Bild) fand. Philip Johnson und Henry-Russell Hitchcock hatten die Ausstellung für das MoMA in New York konzipiert.11Modern Architecture. International Exhibition Museum of Modern Art 1932, S. 115 12International Style. Architecture Since 1922. New York 1932, S. 185
Ebenfalls dem Neuen Bauen im engeren Sinne zuzuordnen ist Haus Heusgen von einem ehemaligen Mitarbeiter Mies van der Rohes, sowie Bauten der Krefelder Architekten Ernst Schäfer und Josef Janssen. Alle drei Architekten liefern Beispiele des Neuen Bauens, ohne dass es ihre spezifische Handschrift wäre. Vielmehr beherrschten sie es als einen architektonischen Duktus neben anderen, wie z. B. einem traditionsgebundenem Neuklassizismus oder expressionistischer Backsteinarchitektur. „Das Neue Bauen mag für manche Architekten und Bauherren Haltung und Geschmack darstellen, es ist aber auch verfügbare Form und Zeitgenossenschaft.“13Stephan Strauß, Wirtschaftsbürgerliches Wohnen in Krefeld 1900–1940. Die Vielfalt der Moderne, in: Lange/Blümm (Hg.), Bauhaus und Textilindustrie. Architektur, Design, Lehre, München 2019, S. 309

Das Stadtbild von Krefeld prägen in erster Linie die lokalen Architekten, allein schon durch die Vielzahl ihrer Bauten. Zugleich gibt es markante Architekturen von Architekten, die nicht in Krefeld ansässig waren und einen weit über das Regionale hinausgehenden Wirkungskreis hatten.
Einige von ihnen wie Ludwig Mies van der Rohe, Egon Eiermann und Hans Poelzig würden heute als Stararchitekten bezeichnet werden. Sie genossen schon zu ihren Lebzeiten große Aufmerksamkeit in der westlichen Welt und haben einen festen Platz in der Architekturgeschichte eingenommen. Ihre Bauten stellen heute nicht nur wichtige Denkmäler der Geschichte der Stadt dar, sondern auch einen kulturellen Vermögenswert von großer Strahlkraft.
In der Wahrnehmung der Krefelder Baukultur blieben die Bauten jedoch Solitäre und würden bei einer Bürgerbefragung zum beliebtesten Gebäude der Stadt wohl nicht unter den Top Ten landen. Die Diskrepanz zwischen ihrer hohen kulturhistorischen Bedeutung und der geringen lokalen Identifikationsqualität kann problematisch werden, wenn sich die Bauten im Besitz der Stadt Krefeld befinden. Die Kosten einer denkmalgerechten Instandhaltung und -setzung gelten politisch als schwer vermittelbar, wie es die noch immer nicht erfolgte Restaurierung des von Egon Eiermann entworfenen Stadthauses, die ehemalige Verseidag-Hauptverwaltung, zeigt.→

Der fulminante Neustart der Seidenindustrie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde vor allem im Neubau der Textilingenieurschule von Bernhard Pfau sichtbar. Die Meterlange gläserne Vorhangfassade mit futuristischer Auskragung sollte als Schaufenster der Seidenindustrie der Welt zeigen, dass Fortschritt und Innovation hier (weiterhin) das Geschehen bestimmten.
Die Verseidag setzte mit ihrem Neubau der Hauptverwaltung ein ähnliches Zeichen, ebenso die Stadt mit der Rathauserweiterung und Schulneubauten.
Die Moderne und ihre Fortschreibung als Nachkriegsmoderne galten in der jungen Bundesrepublik als anschlussfähig, unverfänglich und demokratisch. Auch das Bauhaus profitierte von der Hoffnung, durch den Rückgriff auf die Zeit vor 1933 die NS-Diktatur überwinden oder sogar vergessen zu können.
Erst mit der postmodernen Architekturbewegung im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts regte sich Widerspruch gegen die Moderne die nun als dogmatisch und freudlos empfunden wurde. Form follows funktion – ein Leitsatz der Moderne wurde in Form follows fun umgemünzt.
Gleichzeitig begann die architekturhistorische Forschung die biografischen Verflechtungen von Bauhäuslern und Architekten während der NS-Zeit herauszuarbeiten. Während Bernard Pfaus Kritik an eben solchen Verbindungen in der Düsseldorfer Bauverwaltung um 1950 nur wenig Gehör fanden gilt heute die Vorstellung einen voraussetzungslosen Neubeginns nach 1945 als obsolet.14Werner Durth, Deutsche Architekten. Biographische Verflechtungen 1900–1970. ( Schriften des Deutschen Architekturmuseums zur Architekturgeschichte und Architekturtheorie) Braunschweig/Wiesbaden 1986
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